Krakauer Erklärung – Wissenschaftler befürchten abnehmende Intelligenz durch Jodmangel

Jod ist ein Spurenelement, das insbesondere bei der Entwicklung im Kindesalter eine wichtige Rolle spielt. Der verbreitete Jodmangel in Europa hat zu einem deutlichen Statement geführt: Wissenschaftler des von der EU geförderten Projektes EUthyroid befürchten, dass bei der Hälfte der Kinder und Jugendlichen die Gehirnentwicklung infolge von Jodmangel gestört ist. So das Fazit der Krakauer Erklärung.

EUthyroid: Was ist das?

EUthyroid ist ein Forschungsprojekt, das sich mit der Bekämpfung negativer Auswirkungen von Jodmangel befasst. Daran nehmen 31 Partner aus 22 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union teil, zudem Wissenschaftler aus Island, Norwegen, der Schweiz, Mazedonien und Israel. Es handelt sich dabei um führende Experten aus Epidemiologie, Endokrinologie und Ernährungswissenschaften sowie der Gesundheitsökonomie.

EUthyroid arbeitet eng mit dem internationalen Iodine Global Network (IGN) zusammen. Die finanzielle Förderung erfolgt durch das European Union’s Horizon 2020 research and innovation programme (No. 634453).

Koordiniert wird das Forschungsprojekt von Prof. Dr. med. Henry Völzke vom Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald. Community Medicine ist ein relativ neuer epidemiologischer Zweig der Medizin, der sich auf Bevölkerungsebene mit Ursachen, Prävention und Behandlung von Erkrankungen befasst.

Die Aufgaben von EUthyroid

Der Verbund sammelt Daten über die Situation der Jodversorgung in Europa und wertet diese wissenschaftlich aus. Dazu gehören die Untersuchung von Ernährungsgewohnheiten sowie Vergleich und Kosten-Nutzen-Analyse bestehender nationaler Maßnahmen zur Prävention von Jodmangel.

So gesammelte Erkenntnisse dienen als Grundlage für die Entwicklung und Vereinheitlichung von Maßnahmen, mit denen die Versorgungssituation zusammen mit nationalen Stellen in ganz Europa verbessert werden soll. Ziel ist ein “kosteneffizienter und harmonisierter Ansatz bei der Jodprävention in Europa“. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Auswirkungen fehlenden Jods bei schwangeren Frauen und die Auswirkungen auf ihre Kinder. Dazu laufen drei Mutter-Kind-Studien in drei europäischen Regionen mit unterschiedlicher Jodversorgung.

Was steckt dahinter?

Die Weltgesundheitsorganisation weist schon seit Jahren regelmäßig darauf hin, dass die europäische Bevölkerung an Erkrankungen durch Jodmangel leidet. Sie sieht eine verbesserte Überwachung der Jodversorgung als so wichtig an, dass sich die Staaten der Europäischen Union zur Gründung der EUthyroid-Initiative veranlasst sahen.

Tatsächlich ist fehlendes Jod ein wesentlicher Grund für viele Erkrankungen der Schilddrüse. Am bekanntesten sind die Bildung eines Kropfes (Jodmangelstruma), Schilddrüsenautonomie und die Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose).

Nicht minder wichtig ist die Rolle der Jod-haltigen Schilddrüsenhormone bei der Entwicklung. So ist bekannt, dass bereits ein geringfügiger Jodmangel bei Schwangeren die Gehirnentwicklung des ungeborenen Kindes beeinträchtigt und zu verminderter Intelligenz führt. Ebenso ist in der Stillzeit eine ausreichende Jodversorgung notwendig, um die optimale Entwicklung des Säuglings sicherzustellen. Zudem warnen Experten, dass bis zur Hälfte aller Neugeborenen an leichtem Jodmangel leidet.

Die Krakauer Erklärung

Mitglieder von EUthyroid haben am 18. April 2018 bei einem Treffen an der Jagioellonen-Universität Krakau (Uniwersytet Jagielloński w Kraków) eine Erklärung abgegeben. Sie fordert die politischen Entscheidungsträger in ganz Europa auf, koordinierte Maßnahmen zur Beseitigung des verbreiteten Jodmangels zu unterstützen. Wissenschaftler und Mitglieder des Gesundheitswesens sollen dabei helfen, entsprechende Strategien umzusetzen.

Jodierung von Speisesalz

Von vielen Stellen wird der flächendeckende Einsatz von jodiertem Speisesalz als die einfachste, effektivste und nachhaltigste Methode angesehen, um in Jodmangelgebieten die Versorgung mit dem Spurenelement sicherzustellen. Dazu gehören die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die American Thyroid Association (ATA), das Iodine Global Network (IGN) und das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF).

Das da etwas dran ist, zeigt der Jahresreport 2016 des IGN. In den vergangenen 25 Jahren sank durch eine Jodierung von Speisesalz die Zahl der als Jodmangelgebiete eingestuften Länder von 113 auf 19. Die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Institutes (RKI) weist darauf hin, dass trotzdem noch ein Drittel der Bevölkerung unterversorgt ist.

Was ist von einer Zwangsjodierung zu halten?

Unstrittig ist die Tatsache, dass Jod bei einigen Erkrankungen nicht unbedingt förderlich ist. Dazu gehören die Jod-induzierte Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose), Morbus Basedow, die Hashimoto-Thyreoiditis und die Jodallergie (etwa bei Röntgenkontrastmitteln).

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat sich diese Einwände näher angesehen und sieht zurzeit kein Risiko in der Jodprophylaxe durch jodiertes Speisesalz. In einer entsprechenden Stellungnahme geht es davon aus, dass die Jodierung keine Erkrankungen auslöst oder verschlimmert und die maximale tägliche Aufnahme von 500 µg dadurch nicht überschritten wird.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  1. EUthyroid:
    Die Krakauer Erklärung zu Jod. Link.
  1. Iodine Global Network (IGN):
    • Internetauftritt: Link
    • Jahresreport 2016: PDF
  1. Universitätsmedizin Greifswald
    Community Medicine und Individualisierte Medizin. Link.
  1. Thamm M, Ellert U, Thierfelder W, Liesenkötter KP, Völzke H (2007):
    Jodversorgung in Deutschland – Ergebnisse des Jodmonitorings im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS).
    Bundesgesundheitsblatt 50(5/6):744-749
    PDF
  1. Michael Thamm:
    Bericht zur Jodversorgung deutscher Kinder und Jugendlicher auf Basis der Daten des „Jod-Moduls“ im Rahmen der KIGGS Studie.
    Bundesministerium für Ernährung, Langwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV).
    PDF
  1. Remer T, Johner SA, Gärtner R, Thamm M, Kriener E (2010):
    Jodmangel im Säuglingsalter – ein Risiko für die kognitive Entwicklung.
    Deutsche Medizinische Wochenschrift · 135(31-32):1551-1556 · DOI 10.1055/s-0030-1262446.
  1. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR):
    • Ratschläge für die ärztliche Praxis:
      Jod, Folat/Folsäure und Schwangerschaft. PDF
    • Stellungnahme (zurzeit in Überarbeitung)
      Nutzen und Risiken der Jodprophylaxe in Deutschland. PDF
    • Informationsseite mit weiterführenden Links:
      Jod. Link
  1. Robert-Koch-Institut (RKI):
    Informationsseite mit weiterführenden Links:
    Jodversorgung. Link.