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Medikamentöse Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion

Wirkung der Medikamente bei Schilddrüsenunterfunktion

Ein medikamentöser Ersatz fehlender Schilddrüsenhormone ist durch die Gabe von künstlichem L-Thyroxin (L wie Levo, daher auch Levothyroxin) möglich. Der Chemiker und Pharmazeut Georg Friedrich Henning brachte das Präparat 1926 auf den Markt, nachdem es ihm gelungen war, das Schilddrüsenhormon künstlich und in industriellem Maßstab herzustellen. Diese Synthese erfolgt aus der Aminosäure Tyrosin mithilfe von Jod.

Levothyroxin ist mit dem menschlichen Thyroxin absolut identisch. Der Körper kann daher das in Tablettenform zugeführte Levothyroxin nicht von dem Thyroxin unterscheiden, das er selbst produziert.

Die Zellen wandeln das L-Thyroxin T4 je nach Bedarf in das in seiner Wirkung wesentlich stärkere Trijodthyronin T3 um.

Beide Hormone sorgen gemeinsam dafür, dass sich die Stoffwechselfunktionen des Körpers normalisieren und die Symptome der Schilddrüsenunterfunktion verschwinden. Dadurch ist zwar keine Heilung der Krankheitsursache möglich, aber die Beschwerden lassen sich vermeiden und die Lebensqualität erhalten.

Darreichungsformen von Levothyroxin

L-Thyroxin oder Levothyroxin ist in Tabletten von fünf bis zweihundert Mikrogramm erhältlich. Genauer handelt es sich um das Natriumsalz des L-Thyroxins. Eine Angabe von 100 Mikrogramm bedeutet daher 97,25 Mikrogramm Levothyroxin, der Rest entfällt auf die Natriumionen. Als Bindemittel und Trennstoffe sind unter anderem Maisstärke und mikrokristalline Cellulose in den Tabletten enthalten.

Die Mengenangabe Mikrogramm zeigt bereits, in welch verschwindend geringen Mengen solche Hormone wirksam sind. Bei den meisten Arzneimitteln bedeuten die aufgedruckten Mengenangaben Milligramm. Ein Mikrogramm ist nur ein tausendstel Milligramm oder millionstel Gramm!

Neben Tabletten gibt es auch Tropfen in vergleichbaren Dosierungen. Diese sind in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen geraten, weil bei zahlreichen Firmen Lieferengpässe auftraten. Tropfen verwendet man gerne bei Kindern, denen sie sich in Getränken leichter unterjubeln lassen als Tabletten.

Anwendungsgebiete von L-Thyroxin

L-Thyroxin dient vor allem der Substitutionstherapie bei Schilddrüsenunterfunktion. Daneben setzt man es nach operativer Entfernung eines Kropfes zur Verhinderung eines Rezidivs (Neubildung) und zur Therapie des gutartigen Kropfes ein. Nach chirurgischer Entfernung von bösartigem Schilddrüsenkrebs verhindert L-Thyroxin das Wachstum neuer Tumoren.

Anwendungsinformationen

Hormondosis ist individuell

Wie viel L-Thyroxin Sie erhalten hängt von mehreren Faktoren ab: von Ihrem Körpergewicht, Ihren Stoffwechselparametern und der verbliebenen Aktivität Ihrer Schilddrüse. Letztere bestimmt Ihr behandelnder Arzt durch die Ermittelung der Schilddrüsenwerte aus einer Blutprobe.

Wird eine Schilddrüsenunterfunktion im Anfangsstadium diagnostiziert, verordnet Ihnen Ihr Arzt meistens Tabletten mit fünf Mikrogramm L-Thyroxin. Sollte sich die Schilddrüsenunterfunktion im Laufe der Zeit ausweiten, steigert er die Dosis. Dazu sind regelmäßige Kontrollen Ihrer Schilddrüsenwerte notwendig. Das gilt insbesondere bei der Hashimoto-Thyreoiditis, deren Verlauf im Voraus nicht absehbar ist und die man daher engmaschig im Auge behalten sollte.

Substitutionstherapie mit L-Thyroxin: Warnhinweise

Ob und wie eine Dosisanpassung zu erfolgen hat, entscheidet immer Ihr Arzt. Kommen Sie besser nicht auf die Idee, mit Ihren Tabletten herumzuspielen – Thyroxin beeinflusst auf die eine oder andere Weise sämtliche Stoffwechselvorgänge, sodass Ihr Körper eigenmächtige Änderungen in der Dosierung schnell übel nimmt. Fälle, in denen Patienten versucht haben, durch die Einnahme von L-Thyroxin ihr Gewicht zu reduzieren, sind gründlich schief gegangen. Vor allem in Kombination mit anderen Mitteln zur Gewichtsreduktion treten schnell lebensbedrohliche Komplikationen auf.

Wie soll man Thyroxin einnehmen?

Die Tabletten oder Tropfen sollte man morgens mit etwas Flüssigkeit einnehmen. Am besten machen Sie das eine halbe Stunde vor dem Frühstück mit nüchternem Magen, um eine schnelle Aufnahme der Inhaltsstoffe in den Blutkreislauf zu gewährleisten.

Was passiert, wenn ich die Einnahme von Thyroxin vergessen habe?

Haben Sie die Einnahme einmal vergessen, nehmen Sie nicht die doppelte Dosis. Folgen Sie stattdessen Ihrem vorgegebenen Rhythmus.

Was passiert bei Überdosierung von Thyroxin?

Sollten Sie versehentlich eine größere Menge eingenommen haben, äußert sich die Überdosierung mit den typischen Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion. Passiert das nur einmal, müssen Sie sich in der Regel keine Sorgen machen. Trotzdem sollten Sie einen Arzt aufsuchen, wenn Sie nach einer falschen Einnahme ernsthafte körperliche Komplikationen verspüren. Zu den typischen Symptomen einer Überdosierung gehören

  • Herzklopfen
  • Herzrasen (Tachykardie)
  • Engegefühl in der Brust (Angina pectoris)
  • Kopfschmerzen
  • Hitzewallungen
  • übermäßiges Schwitzen
  • Unruhezustände
  • Zittern der Hände (Tremor)
  • Schlaflosigkeit
  • Durchfall
  • Gewichtsabnahme

Wie schnell tritt die Wirkung des L-Thyroxins ein?

Schilddrüsenmedikamente wirken nach Einnahme recht schnell. Bis die gewünschten Effekte spürbar sichtbar werden kann jedoch eine Weile dauern. Meistens wird der Arzt zu Beginn einer Therapie eine eher niedrige Dosis ansetzen und beobachten, wie diese sich auswirkt. Bei einer „normalen“ Schilddrüsenunterfunktion beginnt die Therapie in der Regel mit der Minimaldosis von fünf Mikrogramm. Nach einigen Wochen nimmt Ihnen Ihr Arzt noch einmal Blut ab und kontrolliert Ihre Schilddrüsenwerte. Sind diese im Normbereich, wird er die Dosierung beibehalten, ist das nicht der Fall, geht er zur nächsthöheren Dosis über.

Bei einer bereits fortgeschrittenen Schilddrüsenunterfunktion liegt die Ausgangsdosis mitunter deutlich höher, etwa bei einer manifesten Hashimoto-Thyreoiditis. Das entscheidet Ihr Arzt aus seiner praktischen Erfahrung und anhand Ihrer aktuellen Schilddrüsenwerte.

In der Regel sollte bei halbwegs passender Dosierung eine erste Besserung der Allgemeinsymptome innerhalb von zwei bis drei Wochen eintreten. Eine dezidierte Einstellung ist üblicherweise innerhalb von zwei bis vier Monaten möglich. In dieser Zeit überwacht Ihr Arzt Ihre Schilddrüsenwerte in regelmäßigen Intervallen.

Die Einstellung erfolgt grundsätzlich ambulant: Sie nehmen Ihre Schilddrüsenmedikamente allmorgendlich daheim ein und lassen zu den Ihnen mitgeteilten Terminen Ihre Schilddrüsenwerte in einer Blutprobe überprüfen. Stationäre Aufenthalte sind dafür nicht notwendig.

Wann darf L-Thyroxin nicht angewendet werden?

L-Thyroxin darf man nicht einnehmen, wenn eine Überempfindlichkeit gegen die Substanz selbst oder gegen Bestandteile der Tabletten besteht. Ferner sollte das Hormon nicht angewendet werden bei

  • unbehandelter Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
  • unbehandelter Nebennierenschwäche (Nebenniereninsuffizienz)
  • unbehandelter Schwäche der Hirnanhangsdrüse (Hypophyseninsuffizienz)
  • unmittelbar nach Herzinfarkt (Myokardinfarkt)
  • bei akuten Entzündungen des Herzens:
    • Herzmuskel (Myokarditis)
    • Herzinnenwand (Endokarditis)
    • Herzbeutel (Perikarditis)
    • des gesamten Herzens (Pankarditis)
  • Angina pectoris
  • koronarer Herzerkrankung (KHK)
  • unbehandeltem Bluthochdruck (Hypertonie).

Generell sollten Sie bei allen Herzproblemen Rücksprache mit dem Arzt halten und dieser den Erfolg der Behandlung streng kontrollieren. Dementsprechend muss man besonders ältere Menschen, bei denen solche Herz-Gefäß-Erkrankungen vermehrt auftreten, unter einer Substitutionstherapie engmaschig untersuchen.

L-Thyroxin in Schwangerschaft und Stillzeit

Thyroxin hat weitreichende Folgen für den Stoffwechsel und die Entwicklung eines Kindes. Daher sollten Sie sicherstellen, dass in der Schwangerschaft Ihre Schilddrüsenwerte richtig eingestellt sind. Dabei steht zu bedenken, dass der veränderte Hormonhaushalt der Schwangerschaft die Tätigkeit der Schilddrüse beeinflusst und der Bedarf an Schilddrüsenhormonen erhöht ist. Wird das beachtet, sind bei guter Einstellung keinerlei negativen Auswirkungen auf Kind oder Geburtsvorgang zu erwarten.

In der Stillzeit geht L-Thyroxin nicht in nennenswerten Mengen in die Muttermilch über. Daher können Sie Ihre Medikation bedenkenlos einnehmen und dabei ihr Kind stillen.

L-Thyroxin Nebenwirkungen

Nebenwirkungen sind bei der Einnahme von L-Thyroxin zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion selten. Sind Sie der Meinung, dass irgendwelche Symptome erst bei der ersten Einnahme von Thyroxin oder nach Erhöhung der Dosierung auftreten, sollten Sie Ihren Arzt aufsuchen und das mit ihm besprechen.

Im Falle einer therapeutischen Überdosierung oder zu Beginn einer Dosiserhöhung können die normalen Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion auftreten. Schwitzen, Nervosität und Schlafprobleme verschwinden nach kurzer Zeit, sobald die Dosierung auf einen niedrigeren Wert angepasst wurde oder Sie sich an die höherem Mengen gewöhnt haben.

Verlaufskontrollen und Weiterbehandlung der Schilddrüsenunterfunktion bei Erwachsenen

Eine Schilddrüsenunterfunktion ist nicht heilbar und damit chronisch. Die richtige Behandlung führt jedoch dazu, dass sich weitreichendere Komplikationen vermeiden lassen und keine wesentlichen Beeinträchtigungen der Lebensqualität zu verzeichnen sind.

Wie bei jeder chronischen Erkrankung mit medikamentöser Behandlung sind Verlaufskontrollen notwendig. So lässt sich erkennen, wenn die Dosierung bei fortschreitender Schilddrüsenunterfunktion nicht mehr ausreicht oder das Thyroxin zu hoch veranschlagt wurde. In der Regel findet eine solche Verlaufskontrolle halbjährlich statt. Als Parameter für den Erfolg der Therapie untersucht man die Schilddrüsenwerte. Sind diese im Normbereich, wurde das L-Thyroxin richtig dosiert. Liegen sie zu niedrig, müssen größere Mengen verabreicht werden. Bei zu hohen Schilddrüsenwerten muss der Arzt die Medikation nach unten korrigieren.

Verlaufskontrollen und Weiterbehandlung der Schilddrüsenunterfunktion bei Kindern

Besonders wichtig ist eine engmaschige Verlaufskontrolle bei Kindern mit einer konnatalen Schilddrüsenunterfunktion in Form des Kretinismus. Gerade in der kindlichen Entwicklung sind die Schilddrüsenhormone besonders wichtig und führen bei einem Mangel zu geistigen und körperlichen Defiziten. Daher sind hier die Schilddrüsenwerte regelmäßig und in kurzen Abständen zu kontrollieren.

Bei Kindern mit einer nicht angeborenen, sondern erworbenen Schilddrüsenunterfunktion setzt man nach zwei Jahren medikamentöser Therapie mit L-Thyroxin das Hormon ab. Bei der nächsten Untersuchung der Schilddrüsenwerte lässt sich dann feststellen, ob die Behandlung zu einem Erfolg geführt hat und die Schilddrüse nun in der Lage ist, den Körper selbständig mit ausreichenden Mengen an Hormonen zu versorgen. Näheres dazu finden Sie unter den Folgen der Schilddrüsenunterfunktion.

Schilddrüsenunterfunktion: Rezeptpflichtige und rezeptfreie Medikamente

Grundsätzlich sind alle Medikamente mit hormonellen Wirkstoffen verordnungspflichtig. Die wichtigsten verschreibungspflichtigen Hormonpräparate sind die „Pille“ als Antikonzeptivum und das L-Thyroxin, für das Sie sich von Ihrem Arzt ein Rezept ausstellen lassen müssen.

Das ist vernünftig, denn ein unbedachter Umgang mit Hormonen kann weitreichende Folgen haben. Was für die Pille und die darin enthaltenen Geschlechtshormone gilt, gilt in ganz ähnlicher Weise auch für die Schildrüsenhormone. In beiden Fällen führen bereits geringe Überdosierungen auf Dauer zu schweren Nebenwirkungen und wirbeln den gesamten Stoffwechsel durcheinander.

In anderen Ländern hat der freie Verkauf von Thyroxin dazu geführt, dass einige Leute es unsachgemäß zur Gewichtsabnahme einsetzen wollten. Die bei unsachgemäßer Anwendung beträchtlichen Nebenwirkungen haben letztlich dafür gesorgt, dass auch dort eine Rezeptpflichtigkeit eingeführt wurde.

Frei verkäuflich sind dagegen Präparate mit Kaliumjodid als Jodquelle. Bekannt geworden sind diese Jodtabletten vor allem durch die Schlagzeilen in Presse und Fernsehen, wo deren Einnahme regelmäßig in Aussicht gestellt wird, um eine Einlagerung von radioaktivem Jod bei Reaktorunfällen zu verhindern.

In der Regel ist die Einnahme solcher Jodtabletten aber nicht notwendig, da in Deutschland das Speisesalz jodiert wird und sich Jod in fast allen gesalzenen Nahrungsmitteln vom Brot über Tiefkühlpizza bis zu Fertiggerichten findet. Sollten Sie wirklich Kaliumjodid einnehmen wollen, müssen Sie bedenken, dass das darin enthaltene Jod nur vorbeugend gegen Schilddrüsenunterfunktion in Form eines Kropfes einsetzbar ist.

Bei der durch eine Hashimoto-Thyreoiditis verursachten Schilddrüsenunterfunktion ist eine Jodgabe sogar absolut kontraindiziert und verschlimmert die Erkrankung wesentlich. Durch die Aktivierung des Immunsystems ist es sogar möglich, dass die Jodgaben diese Autoimmunerkrankung erst auslösen – ein Punkt, den viele Gegner der Zwangsjodierung von Speisesalz gerne anführen und der die immense Zunahme der Krankheitsfälle erklären könnte.

Dauerhaft hinaus können dauerhaft hohe Gaben von Jod Schilddrüsenüberfunktionen wie Morbus Basedow auslösen.

In jedem Falle möchten wir Ihnen empfehlen, sich mit ihrem Arzt oder Apotheker zu beraten, ob in Ihrem persönlichen Fall eine Medikation mit frei verkäuflichem Präparaten angeraten erscheint.

Weitere Informationen finden Sie in unserem Beitrag zur Jodzufuhr bei einer Schilddrüsenunterfunktion.

Literatur und Quellen

  • Gerd Herold: Innere Medizin. Köln 2016: G. Herold-Verlag. ISBN-10: 3981466063.
  • Wolfgang Piper: Innere Medizin. Auflage. Stuttgart 2012: Springer-Verlag. ISBN-10: 3642331076.
  • Frank Grünwald, Karl-Michael Derwahl: Diagnostik und Therapie von Schilddrüsenerkrankungen: Ein Leitfaden für Klinik und Praxis. Auflage. Köln 2016: Lehmanns-Verlag. ISBN-10: 3865417655.

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